Keynote von Georg Greve
Die Macht der Software - Aufgezeichnet von Stefan Krempl
Im zweiten Eröffnungsvortrag zu den „öffentliche Rahmenbedingungen für ein demokratisches Europa im digitalen Zeitalter“ untermauerte Georg Greve, Präsident der fsfeurope.org [Free Software Foundation Europe] die schon von Annette Mühlberg hervorgehobene Bedeutung offener Systemarchitekturen und offener Standards fürs eGovernment. Die ursprünglich in den USA gegründete Free Software Foundation (FSF) geht davon aus, dass der Zugriff auf Software in der digitalen Gesellschaft immer stärker über die Möglichkeiten zur Kommunikation, zur Bildung und zur Arbeit entscheidet und damit eine soziale Schlüsselstellung einnimmt. „Ein zunehmender Teil des Wissens ist in Software gespeichert“, führte Greve aus. „Der Zugang zu Software entscheidet damit auch über den Zugang zum Wissen und zum Erbe der Menschheit.“ Software werde zum „Kulturgut“ und damit stelle sich die Frage, wer die Kontrolle darüber ausübe.
An diesem Punkt stehen sich die Welt der freien Software, die ihre Innereien, den Quellcode, vollständig offen legt und zur Adaption sowie zur Verbesserung durch die Entwicklergemeinde bewusst freigibt, und das System der geschlossenen, nur als Black Box erhältlichen proprietären Software gegenüber, mit der vor allem der amerikanische Gigant Microsoft assoziiert wird. Konkret bedeutet Freiheit bei freier Software: „Unbegrenzte Nutzung zu jedem Zweck, Studium und Anpassung an eigene Bedürfnisse, Weitergabe und Weitergabe von Modifikationen“, erklärte der Vorreiter der Bewegung. Festgeklopft werden diese Freiheiten vor allem über das Urheberrecht. Lizenzen wie die GNU General Public Licence (GPL), die GNU Lesser General Public Licence oder die BSD-Lizenz legen die Details fest.
Freie Software schafft Wissen
Freie Software hat für Greve viele Gemeinsamkeiten mit der Wissenschaft: Auf dieser basiere letzten Endes unsere Kultur und Technologie. Ein essenzielles Prinzip sei bei beiden das der Falsifikation und Erweiterung bestehender Methoden. Proprietäre Software verweigere sich dagegen eines Erkenntnisgewinns, da sich nicht prüfen lasse, was darin passiert. Sie böte folglich keine Möglichkeit zur Falsifikation und damit zur Wissenschaft, während bei freier Software die Überprüfung inklusive Implementation und Funktion sowie die Portierung auf andere Plattformen möglich sei. Die Software werde „als Veröffentlichung“ herausgegeben. Auf diese Weise werde das in Software eingekleidete Wissen der Menschheit archiviert, und zwar nicht nur der aktuelle Stand, sondern auch der Weg dorthin.
Aber nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auch auf die Wirtschaft und die Unternehmen wirkt sich freie Software für Greve positiv aus. Allgemein fördere sie ein willkommenes Klima der Kooperation und des Austauschs. Da Probleme beim Arbeiten mit freier Software selbst, in der Regel also von der eigenen IT-Abteilung, behoben werden könnten, ließen sich Qualität und Motivation steigern. Dazu komme eine größere Investitionssicherheit fürs Unternehmen. „Ich kann nicht gezwungen werden, eine neue Infrastruktur aufzubauen oder Updates zu machen.“ Freie Software fördere so „nachhaltiges Wirtschaften“.
Wege aus der Abhängigkeit
Auch volkswirtschaftlich rechne sich freie Software, so der Lobbyist einer besseren IT-Welt. „Proprietäre Software hat die ausschließliche Tendenz, nur mit sich selbst gut zu funktionieren“, sagte Greve. Offene Standards würden so „verbessert“, dass die Kunden zwar zu den „uneinsichtigen“ Applikationen hin migrieren können, aber nicht mehr von ihnen weg. Jeder müsse daher die gleiche Software benutzen, um sich mit Kommunikationspartnern austauschen zu können. Daraus ergebe sich eine „hochgradig monopolistische Tendenz bei proprietärer Software.“ Freie Software sorge dagegen für Gleichberechtigung im Wettbewerb und stärke die lokale Industrie.
„Gerade Regierungen dürfen nicht von fremden Monopolen abhängen“, lenkte Greve schließlich auch auf das eGovernment direkt über. Sonst könnte ihnen eine Firma etwa vorschreiben, „dass die Computer mal für drei Monate abzustellen sind.“ Das elektronische Regierung benötige Unabhängigkeit und Transparenz, wozu freie Software die besten Voraussetzungen mitbringe. Greves Resümee: „Die Wahl der Software ist ethisch keine neutrale Frage. Sie hat großen Einfluss auf die Gesellschaft.“
Fernab all der fast schon philosophischen Aspekte tauchte im Publikum im Anschluss an den Vortrag die praxisbezogene Frage auf, ob Monopole im Softwarebereich nicht auch ihr Gutes hätten. Früher hätte ja immer alles nicht zusammengepasst, jetzt sei alles Microsoft, was das Leben durchaus erleichtere. Doch das sei zu kurz gedacht, erwiderte Greve. Ein „langfristig tragfähiges Konzept“ könne wohl kaum darin bestehen, Gedeih und Verderb einer einzigen Firma und deren „fragwürdigen Interessen“ zu überantworten. Es gebe wichtigere Werte als die Bequemlichkeit.
Standardanwendungen mit freier Software abgedeckt
Ein anderer Teilnehmer wollte wissen, ob es inzwischen für proprietäre Software ausreichend Alternativen gäbe. „Die Entwicklung ist im Desktop-Markt schon sehr weit“, aber bei branchenspezifischen Dingen hapere es noch, entgegnete Greve. Die FSF fördere momentan verstärkt Softwareprojekte in einzelne Nischen hinein. Die bekanntesten Anwendungen seien neben dem Betriebssystem Linux der Webserver Apache, Open Office als Pendant zu Microsofts Büro-Applikationssuite oder das von der Bundesregierung geförderte Verschlüsselungsprogramm GnuPG gnupg.org/. Ein übergreifendes Verzeichnis liste derzeit über 2200 Programme. Die Standardanwendungen seien abgedeckt, eine Finanzbuchhaltung und eine SAP-ähnliche Planungssoftware würden gerade angegangen.
Letztlich gebe es in vielen Kommunen eigentlich keine Alternativen zur freien Software, ließ ein IT-Experte einer Berliner Bezirksverwaltung durchblicken. Denn für Software sei in seiner bankrotten Stadt schlicht kein Geld mehr da. Das scheinen auch die Verwaltungen der Stadt Schwäbisch Hall und Münchens so zu sehen: Sie haben sich im ersten Fall bereits für die komplette Umrüstung auf freie Software wie Linux entschieden oder liebäugeln heftig mit solchen Plänen. Der DGB und ver.di selbst haben sich für die Nutzung freier Software zumindest im Intra- und Internet entschieden. Ob weitere Bereiche umgestellt werden, ist noch unklar. Der Druck sei groß, da Microsoft Ende des Jahres den Support für das momentan hauptsächlich verwendete Windows NT beende, wusste Stefan Meretz von der ver.di-Netzredaktion zu berichten. Doch der IT-Experte fürchte schwierige Umstellungsprozesse und wüsste nicht, wie er 4000 Beschäftigte auf weit gehende ungewohnte Betriebssysteme und Applikation umschulen solle. Bessere Chancen, den Anteil von freier Software in der Verwaltung zu erhöhen, sieht Meretz bei Spezialanwendungen im kommunalen Bereich. „Die Nachfrager müssen dort fordern, dass die Hersteller die in Auftrag gegebene Software unter die GPL stellen.“ Da die Dienstleister Geld verdienen wollten, stünden die Chancen auf Erfüllung dieses Wunsches nicht schlecht.



